Rezension zu „Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossman

Humor ist für Dovele alles. Sein ganzes Leben lang bedeutete Humor für ihn, mit dem Schicksal klarzukommen und sich irgendwie durchzuschlagen. Mit Mitte 50 steht er einsam auf der Bühne, sein Publikum vor sich, nutzt seinen Abend als Therapie, bereit, mit sich selbst abzurechnen. Für seinen letzten Auftritt hat Dovele einen alten Bekannten eingeladen, einen pensionierten Richter. Dieser hat die Aufgabe, gnadenlos über Dovele zu urteilen, welcher sich seiner selbst hingibt und auf der Bühne sein ganzes Leben Revue passieren lässt – in einer einzig(ab)artigen Art und Weise…

„Kommt ein Pferd in die Bar“ ist mein erster Roman des bewährten Autors David Grossman gewesen. Der außergewöhnliche Titel in Verbindung mit dem in meinen Augen gelungensten Coverbild seit langer Zeit, hat mich sofort neugierig gemacht. Um genau zu sein konnte ich mich anfangs kaum zum Lesen bewegen, da mich das Titelbild so in seinen Bann gezogen hat 🙂

Die Geschichte aber nicht minder anziehend. Es ist wieder einer der Romane, wo ich sagen muss, dass ich etwas Vergleichbares noch nicht gelesen habe. Das Buch wird aus der Sicht des eingeladenen Richters erzählt, doch Dovele ist einziger Gegenstand der Erzählung. Der Richter sitzt im Publikum und erlebt Doveles Auftritt. Durch Grossmans intensiven Schreibstil ist man als Leser auch mitten im Geschehen. Die ganze Zeit über fühlte ich mich wie einer der Zuhörer, habe genau wie sie gebannt Doveles Geschichte gelauscht. Die hat es in sich, erlebte er als Kind in Israel, einem Land in dem Krieg zum normalen Leben gehört, zudem auch noch innerhalb seiner Familie schwere Zeiten. Dass der Roman durch die harte Kost ins Sentimentale oder Kitschige rutscht, verhindert der Autor durch die Gestaltung seiner Hauptfigur Dovele. Ich persönlich habe keinerlei Sympathien für ihn gehegt und habe ihn auch nicht bedauert. Vielmehr wechselten sich Fremdschämen, Abscheu, Mitleid und Faszination. Einen solchen Buchcharakter hatte ich bisher noch nicht kennengelernt.

Der Roman ist alles andere als ein Unterhaltungsroman. Eigentlich inhaltlich sogar nichts, was man gern liest und zwischenzeitlich kaum zu ertragen, wenn man sieht, wie Dovele einsam auf der Bühne steht und sich mehr oder minder geißelt. Ich musste mich teils überwinden weiterzulesen, einfach, weil ich wusste, dass mich nichts Schönes erwartet. Ich kann mir gut vorstellen, dass „Kommt ein Pferd in die Bar“ polarisert und es einigen Lesern so gehen wird, wie den Zuschauern im Publikum, die Doveles Show frühzeitig verlassen…Dennoch finde ich persönlich den Roman großartig und absolut lesenswert. Große Literatur!  Vor allem die Grundidee und Grossmans Schreibstil tragen dazu bei, dass er mir noch länger in Erinnerung bleiben wird.

viersterne

Grossman_25050_MR.indd
Erscheinungsdatum: 01.02.2016
256 Seiten
Hanser Verlag
Fester Einband
ISBN 978-3-446-25050-5

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