Rezension zu „Widerrechtliche Inbesitznahme“ von Lena Andersson

Ester Nilsson ist Dichterin und Essayistin. Sie ist 31 Jahre alt und verbringt ihr Leben in einer sicheren, aber langweiligen Beziehung. Als sie einen Anruf mit dem Auftrag erhält, einen Vortrag über den berühmten Künster Hugo Rask zu halten, ändert dies ihr Leben. Von der einen auf die andere Sekunde ist sie unsterblich in Rask verliebt und versucht fortan hartnäckig, sein Herz zu erobern. Hugo Rask jedoch liebt nur sich selbst und treibt Ester damit in den Wahnsinn.

Was sich anhört wie der Auftakt zu einer kitschigen Liebesgeschichte ist das genaue Gegenteil. Es ist schwer, über den Inhalt des Romans zu schreiben, ohne diese Erwartungen zu wecken. Doch vielmehr ist „Widerrechtliche Inbesitznahme“ eine Beziehungsstudie als ein Liebesroman – eine Studie zu einseitiger Liebe – und enthält die volle Wahrheit über die Unterschiede zwischen Mann und Frau! Ich fühlte mich ein wenig in meine Jugend zurückversetzt, weil mir Esters Verhalten sehr unreif erschien, doch gerade dieses überzogene Verhalten macht den Roman letztendlich aus. Ester ist Hugo schon vor ihrer ersten Begegnung verfallen und macht von da an alles falsch, was man am Anfang einer Liebelei falsch machen kann. Man möchte sich ihrem „Freundinnenchor“ anschließen und sie unentwegt von dem abhalten, was sie dann doch macht, obwohl sie insgeheim weiß, dass es nicht richtig ist. Ich kann es nicht treffender formulieren, als es der Klappentext mit einem Zitat aus den schwedischen Medien tut:

„Sie sollten dieses Buch lesen, wenn Sie verliebt sind, verliebt waren oder die Absicht haben, sich zu verlieben. Sollten Sie unglücklich verliebt sein, werden Sie sich beim Lesen wiedererkennen, und sollten Sie glücklich liiert sein, doppelt dankbar dafür sein nach der Lektüre.“

Diese Aussage kann ich nur unterstreichen. Zum Glück trifft bei mir Letzteres zu, aber wer mal den Spiegel vorgehalten bekommen möchte und sich seiner eigenen verqueren Gedanken bewusst werden möchte, sollte das Buch auf jeden Fall lesen. Obwohl das Verhalten der handelnden Personen vollkommen überzogen ist, treibt die Autorin einem doch die schonungslose Wahrheit vor Augen, denn ich wage mal zu behaupten, dass Frau vom Prinzip her genauso denkt wie Ester. Wer das Buch gelesen hat, braucht zumindest nie wieder einen Beziehungsratgeber lesen…:-)

Ich bin durch Claudias großartige Rezension (mit vielen gut ausgewählten Zitaten) auf diesen Roman gestoßen, bei dem mir sofort der sperrige Titel und die schöne Zeichnung ins Auge gestoßen sind und muss sagen, dass ich ein solches Buch noch nicht gelesen habe. Es ist wirklich sehr speziell. Lena Andersson schreibt, ohne viele Worte zu verlieren und doch zeigt sie treffend und nachvollziehbar auf, wie sich Ester fühlt. Man ist ihr beim Lesen ungeheuer nah. Es gibt kein großes Herumgeschweife und jeder Satz erscheint dadurch so wichtig, dass man am liebsten mit Marker lesen würde. Gerne habe ich Esters und Hugos intellektuellen Wortgefechten gelauscht, bzw. hauptsächlich Esters Monologen, denn Hugo ist eher von der wortkargen Sorte Mensch. Weder Hugo in seiner selbtgefälligen Art noch Ester waren mir sympathisch, doch das brauchten sie in diesem Roman auch nicht sein.

„Widerrechtliche Inbesitznahme“ ist eine interessante Beziehungssatire, bei der man eine Menge über die (unglückliche) Liebe lernt.

viersterne

Widerrechtliche Inbesitznahme

Verlag: Luchterhand
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-630-87469-2
Erschienen: 27.04.2015

Zur Buchseite des Verlags

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2 Gedanken zu “Rezension zu „Widerrechtliche Inbesitznahme“ von Lena Andersson

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