Rezension zu „Beides sein“ von Ali Smith

viersterne

Die sechzehnjährige George hat vor einem Jahr ihre Mutter verloren und versucht nun, ihr Leben weiter zu meistern und für ihren kleinen Bruder und ihren Vater da zu sein. Zur Seite steht ihr Henriette, eine unverhofft neu gewonnene Freundin und bald sind die beiden unzertrennlich. Oft denkt George an ihre Mutter und ihre gemeinsamen Diskussionen und Unternehmungen zurück. Besonders ein Urlaub, der George, ihre Mutter und ihren Bruder nach Ferrara in Italien geführt hat, weckt ihre Erinnerungen. In diesem Urlaub haben sie den Palazzo Schifanoia besichtigt, in dessen Innern Fresken von Malern der Renaissance erhalten sind, unter anderem von Francesco del Cossa. Über den Maler ist nicht allzu viel bekannt, doch eine Anekdote trägt sich bis heute: Nach den Arbeiten im Palazzo war er so von der Qualität seiner Ergebnisse überzeugt, dass er mehr Geld verlangte, als die anderen Maler bekommen haben.

„Beides sein“ bzw. im Original „How to be both“ – dies ist nicht nur Titel dieses Romans, sondern ein druchgängiges Thema, das sich durch die gesamte Geschichte zieht. Dualismen sind an den verschiedensten Stellen zu finden und als Literaturwissenschaftler könnte man sich wohl vollends auslassen und sie analysieren. „Beides sein“ ist auch Programm was den Aufbau betrifft. Der Roman ist in zwei Teile gegliedert, die einmal aus Georges Sicht und anschließend aus Francesco del Cossas Sicht geschrieben sind. In einer englischen Rezension habe ich gelesen, dass die beiden Teile theoretisch auch in umgekehrter Reihenfolge gelesen werden könnten, was ich so auch unterschreiben kann.

Der Roman ist absolut unüblich, in jeder Hinsicht. Es geht nicht nur um Kunst, sondern die ganze Schreibweise und der Inhalt sind Kunst pur. Die Autorin hält sich nicht an übliche Gesetze und Vorschriften, was das Schreiben eines Romans anbelangt, sondern schafft ihr ganz eigenes Genre. Auf den ersten Seiten mutete der Roman an wie ein Jugendroman mit Anteilen eines historischen Romans an, doch schnell wurde mir klar, dass er sich nicht in eine Schublade stecken lässt. Selbst in der Interpunktion setzt die Autorin eigene Regeln und maßt dem Doppelpunkt eine ganz neue Bedeutung zu.

Die Art zu schreiben hat einen großen Reiz auf mich ausgeübt, mich aber auch verwirrt zurückgelassen, denn ob ich die Geschichte – vor allem den Teil über George – nun richtig verstanden habe, da bin ich mir nicht ganz sicher. Die Freiheiten, die sich Ali Smith beim Schreiben herausnimmt, will sie womöglich ein Stück weit an die Leser weitergeben und ihnen die Freiheit überlassen, die Geschichte weiterzudenken.

Besonders hervorzuheben ist die Art, wie die Malerei im Roman behandelt wird. Wer wie ich Kunst, insbesondere Malerei liebt, wird sich sofort wohlfühlen. Obwohl ich sonst beim Lesen nie etwas recherchiere, habe ich immer wieder die Bildersuche betätigt und mir die beschriebenen Kunstwerke angesehen, die einfach wunderschön und Renaissace-Malerei pur sind. Tatsächlich sind die Bilder im Roman so gut beschrieben, dass man auch ohne eine Bildersuche ausgekommen wäre und davor kann ich nur meinen Hut ziehen. Ganz nebenbei lernt man noch einiges über die Entstehungsgeschichte der Fresken im Palazzo Schifanoia und den Auftraggeber aus der Familie Este. Diesen „Palast gegen die Langeweile“ möchte ich nach dem Lesen des Romans unbedingt mal besichtigen  und das Buch am besten dort noch einmal lesen. 😉

Fazit: Ein mehr als ungewöhnlicher, skurriler, teils bizzarer Roman, der sicherlich polarisiert. Wer wie ich die Malerei mag oder Kunst auch im Schreibstil wertschätzt, wird voll auf seine Kosten kommen. Einen geradlinigen Roman, der alle Fragen beantwortet, sollte man jedoch nicht erwarten. Dafür bekommt man einen tollen Einblick in die Kunstgeschichte.

Beides Sein

 

Luchterhand Verlag

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-630-87495-1

Erschienen: 21.03.2016

Zur Buchseite des Verlags

 

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5 Gedanken zu “Rezension zu „Beides sein“ von Ali Smith

  1. Eine tolle Rezi =) wenn ich das richtig herausgelesen habe, geht es in dem Roman auch eher um die Kunst und weniger um die Geschichte an sich oder?
    Ich hatte damals mal einen Krimi gelesen, in dem es um verschiedene Skulpturen ging. Die Handlung war jetzt nicht so doll, aber allein das Thema mit den Skulpturen war so interessant, dass ich mir erstmal einen Bildband von Michelangelo geholt habe =D

    Gefällt 1 Person

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