Rezension zu „Der Kaffeedieb“ von Tom Hillenbrand

viersterne

Obediah Chalon ist absoluter Kaffejunkie. Zumindest würde man ihn wohl heute so bezeichnen. Ende des 17. Jahrhunderts, der Zeit, in der die Geschichte vom Kaffeedieb spielt, ist der Kaffee gerade schwer in Mode und Kaffeehäuser boomen. Hier trifft man(n) sich, um sich bei einer Tasse (vom Fass aufgewärmten) Kaffee über die neuesten politischen, gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Ereignisse auszutauschen, oder einfach um sich ungestört unterhalten zu können. Für Obediah genau richtig, schlägt er sich doch eher mit kleineren und größeren Gaunereien durchs Leben, um seinen Lebensunterhalt und seine naturwissenschaftlichen Experimente zu bestreiten.

Nach einem missglückten Börsencoup sieht es für Obediah leider alles andere als gut aus und ihm bleibt nichts übrig, als sich in die Hände seiner glorreichen Retter, der Organisation VOC aus den Niederlanden, zu begeben. Für diese wird er angehalten, einen riesigen Coup zu planen und durchzuführen, der die VOC nach vorne bringen soll: Obediah soll Kaffeepflanzen aus dem fernen Osmanischen Reich stehlen, damit die Niederlande nicht länger von ihren Kaffeelieferanten abhängig sind. Ein Vorhaben, das ausführlich geplant werden muss…

Dank einer passenden Stimmung und überzeugender Sprache landet man beim Lesen sofort in Obediahs Welt gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Die Reise führt Obediah und mit ihm den Leser von Europa bis ins ferne Arabien und jeder Schauplatz ist so lebendig beschrieben, dass man sich wie in einem alten Film fühlt. Autor Tom Hillenbrand gibt in seinem ersten historischen Roman alles, um ein authentisches Bild der damaligen Zeit zu zeichnen und dies gelingt ihm hervorragend. Sogar bedeutende geschichtliche Ereignisse werden elegant in den Fluss der Geschichte eingebettet und tragen dazu bei, neben dem Lesegenuss auch noch gefühlt einen kleinen Abstecher in den Geschichtsunterricht zu machen. An einigen Stellen war mein persönliches Interesse an den historischen Informationen nicht so groß, sodass ich diese auch mal überflogen habe.

Viel spannender ist Obediahs genialer Plan. Erwartet man vom Klappentext ein großes Abenteuer um einen Diebstahl, wird man spätestens nach dem ersten Drittel überrascht. Denn statt Action erfährt man vielmehr alles über die Vorbereitungen und die Hintergründe von Obediahs neuestem Coup. Ganz nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Akribische Vorplanungen, ausgeklügelte Täuschungsmanöver und die Akquisition geeigneter Partner für das große Unterfangen nehmen den Hauptteil des Romans ein.

Besonders gefallen hat mir das Thema „Chiffrierungen“, welches für den Roman recht bedeutsam ist und meinen Geschmack genau trifft. Obediah ist ein Meister im Verschlüsseln und der Leser erfährt einiges Wissenwerte über die Techniken, die seinerzeit angewendet wurden, um den Inhalt von Briefen für die neugierigen Spione des Königs unzugänglich zu machen.

Was natürlich in einem Roman wie „Der Kaffeedieb“ nicht fehlen darf, ist ein geeigneter Gegener – hier Franzose Polignac. Perfekt ausgeklügelt ist sein Charakter und zwischenzeitlich war man als Leser fast soweit, Polignac zu wünschen, Obediah zu fassen. Doch ohne zuviel zu verraten, kann man sagen, dass Obediah ihm das ein oder andere Mal eine Nasenlänge voraus war.

Obwohl der Roman sehr unterhaltsam ist, benötigt man doch seine volle Aufmerksakeit und muss mitdenken, um Obediahs Plan nachvollziehen zu können. Die vielen Details strengen beim Lesen mitunter an. Der Spannungsbogen hätte für meinen Geschmack noch anders gestaltet sein können. So war die Spannung recht gleichbleibend den ganzen Roman über und steigerte sich am Ende noch einmal, aber nicht so stark, wie erwartet. Da hätte ich mir noch einen fulminanteren Abschluss gewünscht, wo doch die Vorbereitungen von Obediahs Planungen einen so großen Raum eingenommen haben. Mehr als entschädigt wurde ich aber durch eine unerwartete Pointe, von der ich hier aber nichts verraten möchte 😉

Fazit: Ein gut recherchierter Abenteuerroman, der mit ausgeklügelten Ideen aufwartet und dem Leser die Ursprünge des Kaffeeruhms nahebringt.

2016-04-06_18.48.38

Verlag: Kiepenhauer & Witsch

ISBN: 978-3-462-31560-8
Erschienen am: 10.03.2016
480 Seiten

Zur Buchseite des Verlags

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