Rezension zu „Der Mann, der das Glück bringt“ von Catalin Dorian Florescu

dreisterne

1899: Rays Großvater, ein namenloser Waise ohne ihm bekannte Herkunft, schlägt sich als Zeitungsjunge in New York irgendwie durchs Leben, stets auf der Suche nach Geld, Essen und Unterhaltung. Begleitet wird er von der Angst, das Schicksal unzähliger armer Leute – vornehmlich Migranten, die im gelobten Amerika Fuß fassen wollten – zu erleiden, deren leblose Körper am Ufer des Hudson Rivers angeschwemmt werden.

1919: Elenas Mutter wird in Rumänien, im abgelegenen Donaudelta, geboren und wächst ohne Vater, dafür mit einer Mutter, die sie nicht liebt, auf. Sie träumt von einem neuen Leben in Amerika und hofft auf eine bessere Zukunft. Die Menschen im Donaudelta leben weitestgehend unberührt von den Ereignissen, die das Weltgeschehen für immer verändern.

„Sie wussten, dass man in Amerika Häuser bis in die Wolken baute und Brücken aus Stahl; dass mittlerweile Flugzeuge dorthin flogen und riesige Passagierschiffe dahin fuhren. Manch einer träumte sich dorthin, doch er wurde ausgelacht. (…) Nach dem Lachen kam immer das große Schweigen, denn jeder hoffte. Jeder befand sich unterwegs zu irgendeinem Amerika.“ S. 166

Ray und Elena begegnen sich in New York im Jahr 2001 und erzählen sich gegenseitig die Geschichten ihrer jeweiligen Vorfahren. Diese Art, zwei Erzählstränge von unterschiedlichen Personen erzählt zu bekommen, die sich gegenseitig zwischendurch auch mal direkt mit Namen oder „Du“ ansprechen, ist mir bisher in noch keinem Roman begegnet. Zunächst hatte ich Schwierigkeiten, überhaupt zu verstehen, wer erzählt und dass „Großvater“ kein Spitzname ist, sondern eben Rays Großvater, von dem aber in jungen Jahren erzählt wird. Ich fand diese ganze Art, wie im Roman erzählt wird, unnötig kompliziert und für mich hat sie eher den Lesefluss gehemmt.

Ein ganzes Jahrhundert in einem Roman geschichtlich zusammenzufassen, ist ein kühnes Vorhaben. Der Autor hat dies geschickt umgesetzt, indem er die „großen“ Ereignisse, wie die Weltkriege, durch Zeitungsschlagzeilen kurz anreißt, die elegant ins Geschehen eingefügt sind. Im Roman spielen eher die „kleinen“ Leute eine große Rolle und die Ereignisse, die uns aus Geschichtsbüchern so wichtig erscheinen, verblassen für die Menschen, die im Elend ums Überleben kämpfen. Diesen Blickwinkel habe ich sehr gemocht und er stellte für mich eine Bereicherung zu dem dar, was ich schon über das Leben im frühen 20. Jahrhundert zu wissen glaubte.

Catalin Dorian Florescu schreckt jedoch auch nicht davor zurück, von Begebenheiten zu erzählen, die sehr grausam sind. In meinen Augen dienten diese Ebenen der Geschichte dazu, Emotionen beim Leser hervorzurufen, die durch die Charaktergestaltung leider ausgeblieben sind. Die beiden Erzähler Ray und Elena treten nur am Ende handelnd ins Geschehen ein und die Geschichte der beiden hat mich vollkommen kalt gelassen. Für mich hätte es die beiden überhaupt nicht gebraucht, vielmehr hätte ich es besser gefunden, wenn man sich auf ihre Vorfahren beschränkt hätte. Insgesamt blieben mir die Charaktere leider sehr fremd und ich konnte ihre Entscheidungen oft nicht nachvollziehen.

Sicherlich wird es die vielen schlimmen Schicksale und Gegebenheiten in irgendeiner Form so gegeben haben und ich finde es gut, dass der Autor auch mal diese Seiten des 20. Jahrhunderts thematisiert. In meinen Augen war es aber in dieser Form und Fülle zu viel des Guten und dadurch zog sich die Geschichte in die Länge, war das ein oder andere Mal einfach unlogisch, unglaubwürdig und zu konstruiert.

Fazit: „Der Mann, der das Glück bringt“ hat bei mir einen durchwachsenen Eindruck hinterlassen. Es gab sicherlich sehr gute Szenen, doch insgesamt bin ich von der Geschichte nicht überzeugt.

der_mann_der_das_glueck_bringt_florescu

Verlag C.H. Beck

2016. 327 S.: Gebunden

ISBN 978-3-406-69112-6

Erschienen: 10.02.2016

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