Rezension zu „Der Herr der kleinen Vögel“ von Yoko Ogawa

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Schon länger wollte ich ein Buch der japanischen Autorin lesen und habe mich dann für „Der Herr der kleinen Vögel“ entschieden. Jedoch hat mich die Geschichte über den sympathischen und sehr sonderbaren Protagonisten und seinen Bruder nicht vollends mitreißen können.

Wir lernen den Erzähler als kleinen Jungen kennen, der sich hingebungsvoll um seinen älteren Bruder kümmert. Dieser hat vor einiger Zeit aufgehört in einer verständlichen Sprache zu sprechen ,sondern hat seine eigene Fantasiesprache entwickelt und lebt seitdem in seiner eigenen Welt. Nur der Erzähler kann seinen Bruder noch verstehen und ihm durchs Leben helfen. Liebevoll und geduldig führen die beiden Brüder auch nach dem Tod ihrer Eltern ein langes und inniges Familienleben. Der Bruder hat eine große Leidenschaft: die Vögel. Im benachbarten Kindergarten steht eine Voliere, deren Bewohner er mit einer bewundernswerten Ausdauer beobachtet. Nach dem Tod des Bruders sieht es der Erzähler als seine persönliche Aufgabe, die Voliere zu pflegen und das Andenken seines Bruders zu wahren.

Von der ersten Seite an ist der Erzählstil der Autorin wunderschön und in einer bermerkenswerten Leichtigkeit gepaart mit purer Poesie gehalten. Für diesen Schreibstil kann man nur lobende Worte finden und er führt dazu, dass ich noch weitere Werke von Yoko Ogawa lesen werde.  Ein Beispiel ihrer Schreibkunst kann in diesem Zitat nachgelesen werden.

Es steckt viel Gutes in „Der Herr der kleinen Vögel“. Der Erzähler ist ein sympathischer Junge und später ein Mann, den man ins Herz schließen muss. Es ist sehr schön zu lesen, wie er sich so selbstverständlich um sein Bruder und dessen Andenken kümmert, wie er um seines Bruders Willen ein zurückgezogenes Leben führt und nur wenige zwischenmenschliche Kontakte hegt. Auf der einen Seite ist es traurig, weil man ihm ein eigenständiges Leben wünscht, doch auf der anderen Seite scheint das Leben, das der Erzähler führt, genau das zu sein, das ihn erfüllt.

Schleierhaft in ihrer Bedeutung geblieben sind mir die zwei Begegnungen mit anderen Menschen, bei denen der Erzähler ein wenig auftaut. Er lernt eine junge Bibliothekarin kennen und freundet sich auf seine Weise mit ihr an. Später begegnet er einem älteren Herrn, der ebenso sonderbar ist, wie der Erzähler. Diese beiden Episoden fangen irgendwann an, hören irgendwann auf, aber haben mich sehr ratlos zurückgelassen. Ich kann mir zwar eine Bedeutung der Begegnungen erschließen, doch besonders die zweite Begegnung endete mir zu abrupt und kam mir zu merkwürdig vor.

Eine gewisse Affinität zur Haltung von Vögeln sollte man als Leser mitbingen, denn über dieses Thema wird ausschweifend erzählt. Die Vögel in ihrem Aussehen, ihrem Gesang und ihrer Geschichte beschreibt die Autorin detailreich. Ich persönlich finde Vögel in Käfighaltung nicht gut und konnte so von der Begeisterung der beiden Brüder nicht angesteckt werden.

Alles in allem ist „Der Herr der kleinen Vögel“ ein hervorragend geschriebener Roman, der inhaltlich nicht meinen Geschmack getroffen hat. Die wunderbare Sprache der Autorin aber hat mich so überzeugt, dass ich mich nochmal an einem anderen ihrer Werke versuchen werde.

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Zur Buchseite des Verlags

272 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
Erscheinungsdatum: 24. August 2015
ISBN: 978-3-95438-050-3
Verlag: Liebeskind
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2 Gedanken zu “Rezension zu „Der Herr der kleinen Vögel“ von Yoko Ogawa

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