Rezension zu „Die Erfindung der Flügel“ von Sue Monk Kidd

fünfsterne

1803 – Zu ihrem elften Geburtstag bekommt die wohlbehütete Sarah Grimké, Tochter aus reichem Hause, ein in derartigen Kreisen übliches „Geschenk“: Mit einer Schleife um den Hals steht die ein Jahr jüngere Hetty – ein Sklavenname, ihre Mutter hat ihr den Namen Handful gegeben – vor ihrer Tür und ist von nun an Sarahs persönliche Kammerzofe. Sarah, die nicht gerade ein typisches Mädchen ist, das sich mit schicklichen Aufgaben wie Handarbeiten und damenhafter Unterhaltung zufrieden gibt, ist schon als junges Mädchen entsetzt vom Umgang mit Sklaven, angeekelt von der Vorstellung, eine persönliche Sklavin zu besitzen und möchte Handful am liebsten befreien. Sie hat zwar nicht die Möglichkeit, Handful in die Freiheit zu entlassen, versucht ihr aber zu helfen, indem sie Handful das Lesen beibringt. Als dieser Skandal auffliegt, wird es schwer für die beiden Mädchen. Ihre Lebenswege entwickeln sich unweigerlich ihrer unterscheidlichen Herkunft entsprechend, doch beide haben immer ein Ziel vor Augen: die Freiheit.

Von der ersten Seite an wird man als Leser unweigerlich von dem eingängigen Schreibstil der Autorin mitgerissen. Eindrucksvoll schildert sie die Erlebnisse der beiden Mädchen von ihrer Kindheit bis hinein ins Erwachsenenalter immer abwechselnd aus Handfuls oder Sarahs Perspektive und schafft es, jeweils einen Ton anzuschlagen, durch den man sofort bemerkt, wer von den beiden gerade erzählt. Für meinen Geschmack hätte die Sprache noch etwas authentischer zum 19. Jahrhundert passen dürfen.

Obwohl sie so unterschiedliche Voraussetzungen in ihrem Leben haben und Handfuls Schicksal so viel schlimmer ist als Sarahs, sind beide Mädchen in ihrem persönlichen Gefängnis eingesperrt. Handful als Sklavin ohne Aussicht auf ein freies Leben und Sarah als Frau mit Ambitionen in der patriarchalischen Gesellschaft. Diese beiden so verschiedenen Welten werden dem Leser sehr nahe gebracht.

Eindrucksvoll werden das ungerechte Schicksal und der Alltag der Sklaven im Hause Grimké beschrieben. Wie schrecklich mit den Menschen damals umgegangen wurde, wird intensiv erzählt und berührt den Leser. Dennoch schafft es die Autorin, die Sklaven charakterstark darzustellen und mit beeindruckenden Persönlichkeitszügen zu versehen. Sie ergeben sich nicht untätig in ihr Schicksal und behalten immer im Herzen, wer sie sind:

„Es gibt ein Denken, das man den Master sehen lässt. Und ein Denken, das einem sagt, wer man ist.“ S. 233

Der Autorin gelingt eine ausgewogene Mischung zwischen Fakt und Fiktion. Sarah Grimké hat wirklich gelebt und war eine der ersten weiblichen Gegnerinnen der Sklaverei, deren Stimme öffentlich gehört wurde, und zudem eine Vorreiterin in der Frauenbewegung. Nicht nur die Sklaverei, sondern auch die Stellung der Frau in der Gesellschaft wird in diesem Roman thematisiert. Schon als Kind musste sich Sarah der Macht der Männer in ihrer Familie beugen und ihren Kindheitstraum, Anwältin zu werden, begraben. Handful hingegen entspringt in großen Teilen der Fantasie der Autorin und damit hat diese sich einen Gefallen getan: Genau wie Handfuls Mutter ist sie eine beeindruckende Persönlichkeit, deren Mut bewundernswert ist. Durch Handful wird man als Leser dem Leben der Sklaven so nahegebracht, wie es einem als Außenstehender möglich ist.

Der Roman wirkt nach und lässt einen auch nach dem Lesen fassungslos zurück, denn es ist unvorstellbar, wie die Menschen damals mit den Sklaven umgegangen sind und sie wie Vieh behandelt haben. Vor allem unter der angeblichen Rechtfertigung durch den Glauben, was sie den Sklaven immer wieder vorgehalten haben. Und das allein aus Gier und Feigheit:

„Glaubst du etwa, ich würde die Sklaverei nicht minder verabscheuen, als du es tust? Glaubst du, ich wüsste nicht, dass allein die Gier mich daran gehindert hat, meinem Gewissen zu folgen?“ S. 423

Die Sklaven hingegen haben es geschafft, ihr Innerstes und ihre Kultur zu wahren, ihre Geschichten in den selbst genähten Quilts zu erzählen und dies von Generation zu Generation weitergegeben, so wie Handful und ihre Mutter:

„Es war einmal eine Zeit, da konnten die Menschen in Afrika fliegen. Das hat Mauma mir eines Abends erzählt. Damals war ich zehn. „Handful“ hat sie gesagt, „deine Omama hat es noch selbst gesehen. Sie sagt, über Bäume und Wolken sind sie geflogen. Dann hat man sie hergebracht und da war der Zauber vorbei.“ S. 9

Fazit: „Die Erfindung der Flügel“ ist ein Roman, der bewegt, ohne kitschig zu sein. Er lässt einen erschaudern, ohne den Fokus allein auf die Brutalität, die den Sklaven angetan wird, zu setzen. Und er bringt Bewunderung – den Menschen gegenüber, die ihren Körper, nicht ihren Geist, ihrem Master auslieferten, und den Menschen gegenüber, die sich der Gesellschaft widersetzten und gegen die Sklaverei eintraten. Unbedingt lesenswert!

Die Erfindung der Fluegel von Sue Monk Kidd

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-442-75485-4
Erschienen: 19.01.2015

Verlag: btb

Zur Buchseite des Verlags

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7 Gedanken zu “Rezension zu „Die Erfindung der Flügel“ von Sue Monk Kidd

  1. Hallo,
    danke für deine schöne Rezi. Die Sklaverei hat bewiesen, was Menschen anderen Menschen antun können, wenn diese sich nicht dagegen wehren können und die Sklavenhalter keine Strafe befürchten müssen. Ich habe von Frau Grimké noch nie vorher gehört, aber sie wird es mit ihrer aufrechten Haltung sicher nicht leicht gehabt haben.
    LG
    Ina

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, freut mich, dass sie dir gefallen hat! 😊
      Die Autorin hat auch festgestellt, dass die Grimké Schwestern heutzutage nicht mehr so bekannt sind wie damals. Wie gut, dass sie das mit ihrem Roman geändert hat.
      Liebe Grüße
      Lisi

      Gefällt mir

  2. Hallo Lisi 🙂

    jetzt hab ich mir deine Rezension aber durchlesen müssen! Von Sue Monk Kidd steht die Bienenhüterin auf meinem SUB. Hab schon so viele über diese Autorin schwärmen gehört und auf der Rory Gilmore Reading Challenge ist es auch drauf, da dachte ich einfach, ja warum kein Buch von ihr lesen ^^ Die Erfindung der Flügerl beschäftigt sich auch genau so wie die Bienenhüterin mit dem Thema Sklaverei, ein Thema, das mich sehr interessiert. Ich lese gerne Bücher aus dieser Zeit. Deine Rezension sagt alles, was man wissen muss. Vielleicht lese ich dieses Buch auch bei Gelegenheit. Mein SUB ist leider zur Zeit sehr groß und wird irgendwie nicht kleiner: ist ein Buch ausgelesen, kommt ein neues dazu XD

    Wünsch dir einen schönen Abend, lg

    Tinka

    Gefällt 1 Person

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