Rezension zu „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker

fünfsterneJoël Dickers zweiter Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ erschien im Piper Verlag.

Der Romanheld und Nachwuchsautor Marcus Goldmann wird für seinen Debütroman hochgelobt und von allen Seiten befeiert. Er schwelgt gerade im Ruhm – auf dem Höhepunkt seiner Karriere – als sein Verlag nach einem neuen Roman verlangt. Amüsant erzählt erfährt der Leser während des Romans ganz nebenbei, wie das Literaturgeschäft möglicherweise vonstatten gehen mag.

Doch zunächst zum Inhalt: Aller Anstrengung zum Trotz will es Marcus nicht gelingen, an seinen Erfolg anzuknüpfen, er befindet sich mitten in einer Schreibblockade. Da fällt ihm sein alter Hochschullehrer Harry Quebert wieder ein, zu dem er bis zu seinem Erstlingswerk ein inniges Verhältnis voll gegenseitiger Wertschätzung hatte, zu dem er jedoch seit seinem großen Erfolg keinen Kontakt mehr gepflegt hat. Harry Quebert ist eine Legende in den Literaturkreisen, der in den Siebziger Jahren einen großen Roman, ein Meisterwerk, veröffentlicht hat und seitdem zurückgezogen im Kleinstädtchen Aurora lebt.

Dort angekommen überschlagen sich die Ereignisse: In Queberts Vorgarten wird die Leiche der seit rund dreißig Jahren verschwundenen sechzehnjährigen Nola gefunden und Quebert wird zum Hauptverdächtigen, als pikanterweise herauskommt, dass er – als seinerzeit Mittdreißiger – ein Verhältnis mit Nola hatte. Quebert wird im ganzen Land als Kinderschänder und Mörder zerrissen, sämtliche seiner Romane werden aus Schulen und Bibliotheken verbannt, kurzum: er wird regelrecht vernichtet.

Marcus jedoch glaubt fest an die Unschuld seines Mentors und will dessen Unschuld beweisen, indem er einen Enthüllungsroman zum Fall Harry Quebert verfasst, der die ganze Wahrheit enthalten soll.

„Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ wird in mehreren Zeitlinien erzählt. Die aktuellen Ereignisse werden durch die Ereignisse in jenem verhängnissvollen Sommer 1975 ergänzt, dem Jahr, in dem Quebert und Nola ein Liebespaar wurden. Beide Handlungsstränge werden großartig erzählt. Nach und nach erfährt der Leser, wie es zur Liebesgeschichte zwischen Harry und der blutjungen Nola kommen konnte. Dabei ist man als Leser hin und her gerissen. Gleichzeitig möchte man den Harry von damals schütteln und ihm klarmachen, dass es – egal wie verliebt er damals sein mochte – einfach nihct in Ordnung ist, ein Verhältnis zu einem so jungen Mädchen anzufangen. Auf der anderen Seite ist man gerührt, wenn man den alten Harry erblickt, der seit Nolas Verschwinden allein blieb und nie über ihren Verlust hinweggekommen ist. Diese Kontroverse macht es faszinierend, den Roman zu lesen.

Marcus Aufklärung des Falls ist spannend beschrieben. Er versucht mit den Bewohnern Auroras über die damaligen Ereignisse zu sprechen. Immer tiefer dringt er in die Geschehnisse des Sommers 1975 ein und bringt immer neue Hinweise zutage. Vieles wurde lange Zeit verschwiegen und so manch einer hat sein Geheimnis über dreißig jahre mit sich umhergetragen. Während der Ermittlungsarbeit ergeben sich immer wieder neue Wendungen, die besonders zum Ende hin unvorhersehrbar sind und schließlich die Wahrheit über den Fall Harry Quebert unglaublich grandios und brisant ist.

Die Charaktere sind bildhaft beschrieben. Von Marcus Goldmann kann man sich vorstellen, dass er einige autobiographische Züge Dickers in sich trägt, der sich vielleicht vorm Verfassen dieses zweiten Romans ein wenig wie Goldmann gefühlt haben könnte. Marcus unbändiges Vertrauen in die Unschuld seines Mentors ist zu bewundern und die Suche nach der Wahrheit trotz aller Hindernisse, die ihm in den Weg gelegt werden, fortzusetzen ist lobenswert. Harry Quebert ist ein besonders kontroverser Charakter, der auf der einen Seite der gelobte Schriftsteller und Literaturprofesser und auf der anderen Seite der naive und gebrochene Mann ist, der weder stark genug war, sich von Nola fernzuhalten, noch über ihren Verlust hinwegzukommen. Von Nola selbst kann sich der Leser nur durch die Erzählungen der Bewohner Auroras ein Bild machen. Da sich viele Wendungen ergeben wandelt sich das Bild ihres Charakters stark und am Ende hat man eine umfassende Vorstellung von ihr gewonnen.

Ein kleines Detail, das ich sehr mochte: Die Kapitel werden absteigend nummeriert und sind jeweils von einem kleinen Dialog zwischen Marcus und Harry Quebert begleitet, welcher dem damaligen Studenten Marcus Ratschläge zum Verfassen eines Romans gegeben hatte.

Fazit: Ein fesselnder Roman, der bis zum Ende nicht an Spannung verliert und viele unvorhersehbare Wendungen zu bieten hat. Unbedingte Leseempfehlung!

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Roman

Erschienen am 13.08.2013
Übersetzt von: Carina von Enzenberg
736 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-492-05600-7
Piper Verlag
homepage: www.piper.de
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Veröffentlicht in Roman

4 Gedanken zu “Rezension zu „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker

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